Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade

Auf ein Gespräch mit dem Team

Im November 2020 feierte das Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade 15-jähriges Jubiläum. Aufgrund des erneuten Teillockdowns konnten die Jubiläumsveranstaltungen leider nicht wie geplant stattfinden. Neben Broschüre, Film und Posterausstellung leistet das folgende Interview von Kiezreporter Julian Krischan mit dem Team des Quartiersmanagements hoffentlich einen weiteren Beitrag zur „Kompensation“ für die ausgefallenen Veranstaltungen. Wir wünschen viel Spaß beim digitalen Schmökern!


Hand aufs Herz: Sind Sie mit der U5 schon einmal von Hellersdorf zum Brandenburger Tor durchgefahren?

 

 

 

Isabel van Gemert:  Ich hab’s noch nicht geschafft, aber die neue Verbindung mit der U5 gibt’s ja noch nicht so lange. Zum Alex bin ich aber schon oft gefahren. Wäre Corona nicht, dann wäre ich sicher auch schon bis zum Hauptbahnhof durchgefahren.

 

 

 

A propos Brandenburger Tor: Beim Start des Quartiersmanagements Hellersdorfer Promenade vor 15 Jahren berichteten die Medien von Kinderarmut in der anonymen Plattenbausiedlung Hellersdorf – von Kindern, die nicht wüssten, dass man zum Brandenburger Tor einen Tagesausflug unternehmen kann. Wie beurteilen Sie das Bild, das die Medien von Hellersdorf heute vermitteln?

 

 

 

Irina Warkentin:  Wenn man gerade mal in der U-Bahn schaut: Die kommunalen Wohnungsunternehmen machen dort Werbung für Hellersdorf – als einen grünen Ort mit attraktivem Wohnraum, an dem man schön leben kann. Die Darstellung hat sich meiner Meinung nach deutlich ins Positive gewandelt und ist nicht mehr nur defizit- und problembelastet. Diese Botschaft kommt immer stärker auch an anderen Orten an.

 

 

 

Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen für das Zusammenleben im Quartier?

 

 

 

Irina Warkentin:  In den ersten Jahren des Quartiersmanagements hatten wir viel Leerstand im Quartier. Mittlerweile ziehen viele Menschen nach Hellersdorf, auch hier im Quartier entsteht neuer Wohnraum. Das Zusammenwachsen bringt Herausforderungen mit sich. Andererseits geht es um die Verschönerung des öffentlichen Raums. Durch attraktive Freiräume möchten wir erreichen, dass die Menschen mehr rausgehen und so die Isolation und Anonymität durchbrechen, die für Siedlungen mit Großwohnungsbau manchmal typisch erscheint.

 

 

 

Gibt es auch Probleme?

 

 

 

Irina Warkentin:  Die neuen Bewohner*innen kommen von verschiedenen Orten hierher – aus der Innenstadt, aus anderen Teilen Berlins oder aus anderen Ländern. Wieder andere Bewohner*innen sind im Quartier alteingesessen. Dieses Zusammentreffen von alten und neuen Bewohner*innen mit verschiedenen sozialen Hintergründen kann zu Problemen führen. Ein friedliches Zusammenleben ist nicht selbstverständlich, diese Prozesse müssen moderiert werden. Eine echte Herausforderung für uns im Quartiersmanagement ist auch die Bewohner*innenbeteiligung. Oft haben die Bewohner*innen selbst schon ganz viele Probleme und sind damit beschäftigt, ihren Lebensalltag zu meistern. Da ist es verständlicherweise manchmal schwierig, sich auch noch für die Nachbarschaft einzusetzen.

 

 

 

Wie beurteilen Sie die Situation von Kindern und Jugendlichen im Quartier?

 

 

 

Wiebke Sieber:  Wir haben hier eine bunte Landschaft von Bildungsinstitutionen und Einrichtungen aus dem Kinder- und Jugendfreizeitbereich. Kinder und Jugendliche haben hier viele Möglichkeiten, sie gehören zum Stadtteil – bei einem bemerkenswert niedrigen Altersdurchschnitt von 38 Jahren. Gleichzeitig belegen wir in der Statistik manch andere Spitzenplätze im berlinweiten Vergleich: Im Stadtteil Hellersdorf-Nord haben wir den höchsten Anteil an Kindern aus Raucherhaushalten, eine hohe Quote an lernmittelbefreiten Kindern und einen hohen Fernsehkonsum in den Haushalten. Die jährlich stattfindenden Einschulungsuntersuchungen verweisen auf einen hohen Förderbedarf bei den Kindern. Das ist ein Umstand, der sich zuletzt nicht verbessert hat.

 

 

 

Man interessiert sich nicht nur für die fachliche Arbeit, sondern auch für die Menschen dahinter: Was waren Ihre Stationen im Lebenslauf bevor Sie Ihre Tätigkeit beim QM Hellersdorfer Promenade aufgenommen haben?

 

 

 

Isabel van Gemert:  Ich arbeite mittlerweile vier Jahre hier im QM. Davor habe ich kurzzeitig in einer Veranstaltungsagentur gearbeitet und war ein dreiviertel Jahr in der Dorfentwicklung in Hessen tätig. Vor meinem Masterstudium mit Auslandsaufenthalten hatte ich – das war in den Jahren 2008 bis 2011 – eine Kontaktstelle zum Stadtumbau in Dessau betreut und hatte auch dort viel Kontakt zu Bewohner*innen.

 

Wiebke Sieber:  Zum Abschluss meines Studiums hatte ich meine Masterarbeit zum Thema Bürgerbeteiligung in Kunst- und Kulturprojekten in der europäischen Kulturhauptstadt Wroclaw verfasst. Danach war ich in Berlin einige Zeit im Veranstaltungsbereich tätig, wollte mich aber mehr mit den Themen Beteiligung und Zivilgesellschaft beschäftigen. So kam eine Bewerbung bei S.T.E.R.N. zustande.

 

Irina Warkentin:  Bei mir ist die Geschichte kürzer erzählt. Ich bin in Marzahn-Hellersdorf aufgewachsen und habe an der FU Berlin Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik studiert. Mein Praxissemester habe ich hier in Hellersdorf beim SOS-Familienzentrum absolviert. Noch bevor ich mein Diplom in der Hand hatte, fing ich beim QM Hellersdorfer Promenade an.

 

 

 

Was war der einprägendste Moment in Ihrer bisherigen Arbeit im QM Hellersdorfer Promenade?

 

 

 

Wiebke Sieber:  Ein einprägsamer Moment war für mich zu Anfang von Corona, als der Shutdown verkündet wurde. Wir wurden in eine Art Schockstarre versetzt, plötzlich wurde alles stillgelegt und geschlossen. In dieser Situation war es für mich bemerkenswert, wie schnell Wege gefunden wurden, damit alles wieder anlaufen konnte. Digital und in anderer Form fanden die Angebote, soziale Begegnungen und das Kiezleben wieder statt.

 

Isabel van Gemert:  Ich finde es immer wieder spannend, wie ein Projekt entwickelt und schließlich umgesetzt wird. Da ist zunächst eine Idee, dann ein Steckbrief, eine Projektskizze und irgendwann ein Auswahlverfahren. Man sieht, dass die Projektidee aufgeht und viele Menschen davon profitieren werden. Eine anfängliche Skepsis hatten wir beispielsweise besonders bei dem Projekt „Fit für die Zukunft“ mit dem damals neuen Ansatz aufsuchender beruflicher Orientierung bei Jugendlichen. Das Projekt lief und läuft in der Weiterführung aber sehr gut.

 

Irina Warkentin:  Es gab in der ganzen Zeit viele einprägende Momente, aber für mich vielleicht doch einen im besonders negativen Sinn. Als die Einrichtung für Geflüchtete in der Zossener Straße eingerichtet wurde, gab es dazu eine Informationsveranstaltung in einer Turnhalle. Um es auf den Punkt zu bringen: Es war furchtbar. Bei den Äußerungen der anwesenden Menschen zeigte sich, was in manchen Köpfen vorgeht. Sehr traurig.

 

 

 

Bildungsnetzwerk Hellersdorfer Promenade, Bildungscampus Kastanie, ElternNetzWerk und ein Kinderforscher*innenzentrum Helleum, das Aufmerksamkeit in ganz Berlin auf sich zieht. Welchen Stellenwert hat das Thema Bildung in der Arbeit des Quartiersmanagements?

 

 

 

Wiebke Sieber:  Wie erwähnt, sind wir hier ein junges Quartier mit vielen Eltern und Kindern, die in die Kita oder zur Schule gehen. Inzwischen sind wir bei der 8. Kita im Quartier angekommen – zwei mehr als 2017 zur Zeit der Anfertigung des vorigen Handlungs- und Entwicklungskonzepts. Unsere einzige Schule im Quartier – die Pusteblume-Grundschule – platzt mittlerweile aus allen Nähten. Viele Kinder und Jugendliche haben Förderbedarfe, sie kommen oft aus Familien mit vielfältigen Problemen, teilweise auch Existenzproblemen. Unsere Netzwerkprojekte leisten hier eine wichtige Arbeit, wir holen die Familien in ihrer Lebenssituation ab. Das Projekt ElternNetzWerk an der Pusteblume-Grundschule läuft Ende 2020 aus, durch Angliederung der Projektstelle an die Pusteblume-Grundschule ist uns eine Verstetigung gelungen. Das Kinderforscher*innenzentrum Helleum mit der Erweiterung des Jugendforscher*zentrums ist ein immenses Projekt, das es so nicht noch einmal gibt. Die Idee für das Helleum geht übrigens auf den Quartiersrat zurück, dort begann alles.

 

 

 

Die Hellersdorfer Promenade ist von Beginn an Namensgeber und wesentlicher Bestandteil des QM-Gebiets. Was unternimmt das Quartiersmanagement, um die Hellersdorfer Promenade zu einem Aufenthalts- und Wohlfühlort zu machen?

 

 

 

Isabel van Gemert:  Die Hellersdorfer Promenade war und ist ein zentraler, belebter Ort – früher und heute. Bewohner*innen berichten uns immer wieder, wie es früher entlang der Hellersdorfer Promenade Geschäfte des Einzelhandels und der Nahversorgung gab. Für die lokale Wirtschaft ist das durch die große Konkurrenz der Hellen Mitte und des Kaufparks Eiche mittlerweile keine Entwicklungsperspektive mehr. Das QM hat mit den unterschiedlichen Eigentümern der Promenade immer daraufhin gewirkt, viele Angebote sozialer Träger und von Künstler*innen in die Ladenlokale zu „locken“. Die Deutsche Wohnen als heutige Eigentümerin der Häuser hat diese Strategie aufgegriffen. Für uns als Quartiersmanagement kommt das sehr gelegen.
Ein Bestanteil unserer Arbeit ist es, mit Festen und Aktionen nach draußen zu gehen. Auf diese Weise machen wir die Hellersdorfer Promenade zu einem lebendigen Ort, an dem nachbarschaftliche Begegnung stattfindet. Ein wichtiger Kooperationspartner ist hier für uns das Mehrgenerationenhaus Buntes Haus, aber auch die Deutsche Wohnen unterstützt uns regelmäßig mit Spenden und ihre Ansprechpartner*innen nehmen an unseren Veranstaltungen teil. In den Wohnungen entlang der Hellersdorfer Promenade ist der Leerstand mittlerweile deutlich zurückgegangen. Für die Wohnungen in den Gebäuden wurden in den Jahren 2016/2017 umfassende Sanierungen durchgeführt, innen und außen. Die Häuser wurden strangsaniert, viele der Wohnungen erhielten zum ersten Mal Balkone und die neue Farbgestaltung der Häuser führt zu einer ganz anderen Wahrnehmung und Außenwirkung. Mit dieser umfangreichen Sanierung war auch eine Qualifizierung und Aufwertung des öffentlichen Raums verbunden. Die Spielplätze und Spielflächen entlang der Hellersdorfer Promenade wurden zum Teil umfangreich neugestaltet und überarbeitet. Zu den Aufwertungsmaßnahmen im öffentlichen Raum hat das Quartiersmanagement Fördermittel in Höhe von 135.000 € beigetragen.

 


Können sich Bewohner*innen bei Projekten selbst aktiv einbringen?

 

 

 

Wiebke Sieber:  Selbstverständlich, das wollen wir auch. Mit dem Aktionsfonds fördern wir kleinteilige und kreative Projekte, die das nachbarschaftliche Zusammenleben im Quartier verbessern. Eine Bewohnerin hatte vor Kurzem die Idee, einige Beete entlang der Hellersdorfer Promenade zu verschönern. Das wird jetzt gemeinsam umgesetzt. Jede Aktion kann mit bis zu 1.500 Euro gefördert werden. Über die Bewilligung entscheidet unsere Aktionsfondsjury, die sich aus Bewohner*innen zusammensetzt. Wir beraten gerne bei der Antragstellung und freuen uns über alle, die mit einer Aktionsidee auf uns zukommen.

 

 

 

Am 1.1.2021 beginnt eine neue EU-Förderperiode. Wird das Auswirkungen auf die Arbeit des Quartiersmanagements haben?

 

 

 

Irina Warkentin: Zunächst einmal ändert sich der Name des Programms von Soziale Stadt in Sozialer Zusammenhalt. Inhaltliche Änderungen werden vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle erfolgen. Bisher entsprach ein Programmjahr einer Zeit von drei Förder-Jahren. Für diesen Zeitraum stand uns zuletzt eine Summe von insgesamt ca. 220.000 Euro für unsere Projekte zur Verfügung. Es wäre schade und ein Nachteil, wenn uns zukünftig nur die gleiche Summe für den Zeitraum von vier Förder-Jahren zur Verfügung stünde. In diesem Fall könnten wir einige Ideen, die wir uns für das Programmjahr 2021 vorgenommen haben, nicht sofort umsetzen. Wir hoffen, dass das nicht geschehen wird.

 

 

 

Sie haben drei Wünsche für das Quartier, jede von Ihnen hat einen Wunsch. Was wünschen Sie sich? 

 

 

 

Irina Warkentin:  Wenn ich ganz spontan sein soll: Ich wünsche mir, dass die Menschen hier unter schönen Bedingungen leben, dass sie zufrieden, glücklich sind und sich im Quartier wohlfühlen.

 

Wiebke Sieber:  Die schwierige Situation in den Familien ist das eine. Wir haben aber, wie erwähnt, sehr gute Bildungseinrichtungen, die sich in einem Bildungscampus zusammengeschlossen haben. Ich wünsche mir, dass unser Bildungscampus Kastanienallee berlinweit als Bildungsstandort bekannt wird. Dass wir hier in Hellersdorf viele Ansätze lebenslangen Lernens für unsere Bewohner*innen verankern können.

 

Isabel van Gemert:  Ich wünsche mir, dass die Menschen die Begegnungsangebote nutzen und viel los ist im öffentlichen Raum. Lebendige Nachbarschaften bereichern das Quartier.

 

 

 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit.