Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade

Im Interview: Dr. Michael Brunn

Dr. Michael Brunn war Leiter des Projekts „Netzwerk Ehrenamt“, das von 2017 bis 2019 durch das Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade gefördert wurde. Im Interview spricht er über seinen Einsatz für das Ehrenamt im Quartier, sein eigenes ehrenamtliches Engagement und wie das Projekt in Zukunft weitergeführt werden soll.

Herr Dr. Brunn, worum ging es beim Projekt „Netzwerk Ehrenamt – gemeinsam für‘s Quartier“?

Im Projekt ging es darum, das ehrenamtliche Engagement im Quartier zu stärken. Ehrenamtliche wurden mit Blick auf ihr ehrenamtliches Engagement beraten, begleitet und unterstützt. Wichtig war auch eine Vernetzung untereinander. Gleichzeitig sollte das vorhandene ehrenamtliche Engagement sichtbar gemacht und eine positive Anerkennungskultur geschaffen werden.

Was waren die wichtigsten Bestandteile des Projekts?

Die Ehrenamtlichen trafen sich vier Mal im Jahr zu einem Stammtisch Netzwerk Ehrenamt im FamilienHaus Kastanie. Daneben gab es eine jährliche Anerkennungsveranstaltung, an der regelmäßig die Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle teilnahm. Erwähnen sollte man diesem Zusammenhang die „Best Practice“-Liste, wie Einrichtungen ehrenamtliches Engagement am besten anerkennen können. Um das vorhandene ehrenamtliche Engagement auf Quartiersebene zu veranschaulichen, haben wir die Broschüre „Freiwillige erzählen“ aufgelegt. Mit einem Stand auf dem Stadtteilfest Hellersdorf-Nord haben wir die verschiedenen Angebote der Träger vorgestellt, sich ehrenamtlich zu engagieren – auch dazu gibt es eine Broschüre. Damit können alle im Quartier eine passende ehrenamtliche Tätigkeit für sich finden.

Sie sind vom „Prinzip Ehrenamt“ durch und durch überzeugt?

Absolut. Ehrenamtliches Engagement findet man in Deutschland in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. Das reicht vom sozialen Bereich – wie es hier hauptsächlich im Quartier zu sehen ist – über Sport und Kultur bis hin zu Feuerwehr, Umwelt- und Katastrophenschutz. Ohne ehrenamtliches Engagement könnten viele Projekte und Initiativen nicht stattfinden, das Engagement bereichert das gesellschaftliche Leben. Gleichzeitig bringt Ehrenamt individuell etwas: Man geht sinnvollen Tätigkeiten nach, hilft Anderen und es entstehen neue Freundschaften. Oft kann man sich mit eigenen Fähigkeiten selbst neu entdecken.

Als Überzeugungstäter sind Sie selbst vielseitig ehrenamtlich engagiert?

Ja. Schon während der Laufzeit des Projekts „Netzwerk Ehrenamt“ habe ich selbst einiges auch ehrenamtlich dazu beigetragen. Bei so einem Projekt kann man nicht auf jede Stunde schauen. Als ich die Interviews für die Broschüre „Freiwillige erzählen“ führte, kamen unheimlich viele Informationen zusammen – man kennt sich eben und hat aus dem eigenen ehrenamtlichen Engagement so viel zu erzählen. Pro Interview brauchte ich bis zu zwei, drei Tagen, um den jeweiligen Kern auszumachen und die Inhalte zusammenzuschreiben.

Vielen Mitstreitern aus dem Quartier ist es auch zu verdanken, dass viele Bestandteile des Projekts „Netzwerk Ehrenamt“ nach Auslaufen der finanziellen Förderung durch das Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade weitergeführt werden. Der regelmäßige Stammtisch Netzwerk Ehrenamt soll weitergeführt werden, gleiches gilt für die jährliche Ehrenamtsbörse und die Übersichtsbroschüre, mit der Interessierte über aktuelle Angebote für ehrenamtliches Engagement im Quartier informiert werden.

Mein langjähriges ehrenamtliches Engagement war sicher auch ein Grund dafür, dass die Leitung des Projekts im Jahr 2017 von pad gGmbH an mich herangetragen wurde. Zurückblicken konnte ich zu diesem Zeitpunkt auf eine langjährige Erfahrung im Umgang mit Ehrenamtlichen im Carlo-Bettermann-Projekt. Dieses Projekt wurde Ende der 90er Jahre von mir mitbegründet. Im Durchschnitt sind dort stets circa 10 bis 15 Ehrenamtliche im Einsatz.

Können Sie mehr über dieses Carlo-Bettermann-Projekt erzählen?

Dazu kam ich in den 90er Jahren. Mein ursprünglicher beruflicher Hintergrund liegt in der Erwachsenenpädagogik, ab 1995 habe ich mich als Sozialarbeiter um Obdachlose gekümmert. Aus der eigenen Betroffenheit heraus erschien es mir notwendig, ein Selbsthilfeprojekt für Alkohol- und suchtkranke Menschen ins Leben zu rufen. In Hellersdorf haben wir damals die Räume der ehemaligen Kita am Naumburger Ring 19 gewissermaßen „besetzt“ – dort ist das Wohn- und Selbsthilfeprojekt bis heute untergebracht. Nachdem wir mit der Arbeit begonnen hatten, hat auch der Bezirk uns unterstützt und wir konnten in dem Objekt bleiben. Das war eine etwas verrückte Zeit damals, auch mit dem ganzen Leerstand – heute wäre das so nicht mehr möglich.

Bis zum Jahr 2016 war ich anschließend Leiter der Einrichtung. Die Kriterien, im Wohnprojekt aufgenommen zu werden, sind immer noch die Gleichen: Man muss obdachlos sein, von Drogen oder Alkohol abhängig sein und ernsthaft den Wunsch verfolgen, damit aufzuhören – beim Alkohol sagt man, „trocken“ zu werden. Gleichzeitig bringt es in diesem Prozess nichts, den ganzen Tag nur da zu sitzen und außer Fernsehen nichts zu tun. Die Menschen brauchen eine Beschäftigung und deshalb ist ehrenamtliche Arbeit auch eine tragende Säule im Bettermann-Projekt: Die Bewohnerinnen und Bewohner engagieren sich vielseitig, zum Beispiel im hauseigenen Krisendienst oder bei der Organisation von Selbsthilfegruppen. Diese stehen auch Personen offen, die außerhalb des Projektes leben und abstinent sein wollen. Ich selbst stelle diese Selbsthilfegruppen auch heute noch oft in Krankenhäusern vor.

Bei so viel Engagement: Bleibt da noch Zeit für andere Dinge?

Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich mich auch an anderen Stellen im Quartier einbringe. Unterstützt habe ich zum Beispiel den Literatursalon im Bunten Haus, der auch im Rahmen eines Projekts des Quartiersmanagements initiiert wurde. Ebenso habe ich zusammen mit anderen am Projekt „Kauft weniger Plastik“ von „Mittendrin“ mitgewirkt und an den Foren zur weiteren Entwicklung von Gutsgarten und Gut Hellersdorf teilgenommen. Wenn man’s genau nimmt – auch das ist eigentlich alles ehrenamtliches Engagement.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Julian Krischan.